in memoriam thomas giner
Rede von Arno Ritter anlässlich der Verabschiedung von Thomas Giner am Natterer See
Meine Freundschaft mit Thomas begann im Jänner 1995 über die Erlerstraße hinweg, denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite meines gerade bezogenen Arbeitsplatzes, dem damaligen Architekturforum Tirol, hatten die Architekten Wolfgang Stöger und Christoph Zelger sowie Thomas Giner und Erich Wucherer auf Augenhöhe zu unseren Räumen ihre Ateliers. Alle vier hatten auf der Universität Innsbruck studiert, danach die beiden Büros gegründet, sich seitdem räumlich nie mehr getrennt und da sie einen guten Kaffee hatten, besuchte ich sie recht regelmäßig. Da wir alle damals offensichtlich noch mehr Zeit hatten, entstand eine engere Beziehung, die oft Freitag nachmittags zu einem oder mehreren Gläsern in der Umgebung führte und uns aus einem rein beruflichen Verhältnis auch in eine private Beziehung brachte.
In besonderer Erinnerung bleibt für mich die Hochzeit von Thomas und Cornelia in der kleinen romanischen Kirche am Rande von Pienza, die zwar ein wenig zu klein für die vielen Gäste war, aber ein wunderbarer Raum ist, den ich einige Jahre später wieder besuchen musste. Die Wahl von Pienza, jener Geburtsstadt von Silvius Piccolomini, der als späterer Papst Pius II den Ort zu einer humanistischen Idealstadt ausbaute, war vermutlich kein Zufall, denn soweit ich weiß, war die Suche nicht einfach und die letztendliche Genehmigung für die Hochzeit in der Kirche einem Verwandten aus dem Kloster in Brixen zu verdanken. Der von Thomas betriebene Aufwand macht für mich seine Persönlichkeit deutlich, denn er scheute keine Mühe, um vor allem Cornelia und allen Anwesenden ein unvergleichliches und vor allem gemeinschaftliches Erlebnis zu ermöglichen, das in Erinnerung bleiben sollte.
Bei den gemeinsamen Bürofahrten nach Vorarlberg, Südtirol und in die Steiermark mit Erich, Christoph und Wolfgang, der leider vor zwei Jahren verstarb, und den regelmäßigen Weihnachtsfeiern der vier Musketiere der Architektur in gut ausgesuchten Lokalitäten und mit feinster Ess- und Weinbegleitung, konnte ich die lebensorientierte Haltung von Thomas und seinen drei Freunden kennenlernen. Sie waren ein eingeschworenes Team, lebten ihre Beziehung am Wuzeltisch im Büro und außerhalb der Architektur genussvoll aus und waren für mich als zugezogener Wiener ganz wichtige menschliche Haltepunkte in Tirol – wobei wir uns später nicht mehr so oft sahen, wie damals, als wir noch Nachbarn waren.
Was ich sehr vermissen werde sind die Umarmungen von Thomas bei unserer Begrüßung, ich so klein wie ich bin und er so groß wie er war, bückte er sich und hob mich manchmal auf seine Augenhöhe auf – eine für mich wunder-bare körperliche Geste im sonst so distanzierten Tirol.
Vor allem im Zuge der Planung des Umbaus vom Adambräu mit Thomas, Erich und Rainer Köberl intensivierte sich das Verhältnis, denn wir trafen uns regelmäßig zu Besprechungen. Der über Jahre laufende Prozess machte für mich die produktive Rollenteilung zwischen Thomas und Erich in ihrer Zusammenarbeit sichtbar. Während Erich eher konzeptionell denkt, widmete sich Thomas im Laufe des Planungsprozesses verstärkt dem technischen Part der Umsetzung des gemeinsamen Entwurfs, denn er war ein sehr handwerklich agierender Architekt.
Besonders sichtbar wird diese Seite seiner praktischen Persönlichkeit beim eigenen Haus in Oberperfuss, das er nicht nur plante, sondern an dem er selber viel handwerklich umsetzte. Bei einem zufälligen Treffen im OBI vor einigen Jahren – er kaufte gerade Material, da er am gleichen Tag nach Wien fuhr, um in der Wohnung seines Sohnes Hand anzulegen –, gab er wichtige Tipps und nahm uns Kaufentscheidungen ab, denn gemeinsam mit meinem Sohn wollte ich ein Regal bauen. Vermutlich, eigentlich bin ich mir aber ganz sicher, wäre er mit unserer dilettantischen Lösung nicht wirklich zufrieden gewesen.
Und plötzlich und vollkommen unerwartet ist Thomas nicht mehr unter und mit uns. Ich und sicher alle Personen, die ihn kannten, können diesen emotionalen und vor allem körperlichen Verlust nicht begreifen, stehen heute vor einer inneren und räumlichen Leere, die noch lange andauern wird. Zumindest für mich gibt es keinen Trost, keine akzeptable Erklärung, sondern nur die erdrückende Erkenntnis, dass Thomas fehlen wird und ich vor allem seine Umarmungen sehr vermissen werde.
thomas giner (1961 – 2026)
geb. 1961 in Innsbruck; 1979 – 86 Architekturstudium in Innsbruck, Diplomarbeit bei Othmar Barth; Mitarbeit im Architekturbüro von Ernst Bliem in Hall; ab 1988 Zusammenarbeit mit Erich Wucherer, zunächst als „Institut Aquafix“, ab 1991 gemeinsames Architekturbüro Giner + Wucherer in Innsbruck; zahlreiche Auszeichnungen u. a. BTV Bauherrenpreis 2001, 2003, 2005, 2007 und 2010; Auszeichnung des Landes Tirol für Neues Bauen 2012; ZV-Bauherrenpreis 2005 und 2012 sowie Österreichischer Staatspreis Architektur 2012; verstorben im August 2026
bauten und projekte (Auswahl)
1998 Haus Weimann, Innsbruck (mit Arthur Pfeifer); 2000 Haus Klima, Absam; 2002 MPREIS Weißenbach; Solo Pasta – Solo Vino, Innsbruck; 2003 Wohnbau Schneeburgpark, Innsbruck; 2004 Transformation Adambräu Sudhaus, Innsbruck (mit Rainer Köberl); 2005 MPREIS Achenkirch; 2006 krischan panoptikum, Innsbruck; Pezid Apartments, Serfaus; 2008 Hauptgebäude und Badehaus Natterer See, Natters; 2009 Haus Weinbergweckerl, Straß; MPREIS Kössen; 2011 La Cantina, Innsbruck; Sanierung Rathaus / Bildsteinhaus, Kufstein (mit Rainer Köberl); Stadtvilla Bienerstraße, Innsbruck; Wohnanlage und Vereinsheim Amras, Innsbruck; 2012 Haus K., Tirol; Stadthaus Mariahilf, Innsbruck; 2013 Haus N., Innsbruck; 2014 Kindergarten Innerkoflerstraße, Innsbruck; 2016 Büroerweiterung EMPL, Kaltenbach; 2017 Dorfzentrum EMPL, Kaltenbach; 2020 Zillertal Bier – Brauerei und Besucherbereich (mit Holzer Kobler Architekturen); 2022 Montagewerk und Kundencenter EMPL, Zahna-Elster (D); 2022 Sanierung INNIO / Jenbacher, Jenbach; 2025 Oberflächengestaltung Innsbruck Altstadt (mit Rainer Köberl); 2026 Wohnbau Kapuzinergasse, Innsbruck
